Der im April veröffentlichte „Short Range Outlook“ des Weltstahlverbandes enthält eine in der Berichterstattung wenig beachtete Information: Der Stahlverbrauch in Deutschland ist im vergangenen Jahr um 10,3% gestiegen. Eine Zahl, die angesichts der zahlreichen Negativmeldungen aus der Branche aufhorchen lässt, aber nur schwer mit anderen Daten in Einklang zu bringen ist. Eine Spurensuche bringt zwar einige Antworten, wichtige Fragen bleiben aber offen.      

Worldsteel überrascht mit positiven Zahlen für Deutschland  
Während Deutschland bei internationalen Vergleichen des Wirtschaftswachstums seit Jahren regelmäßig am Ende der Tabelle zu finden ist, zeichnet worldsteel nun für die Stahlnachfrage ein überraschend positives Bild. Der neue Ausblick vom April 2026 beziffert das Wachstum des sichtbaren Stahlverbrauchs im Vorjahr auf 10,3%. Dies bedeutet Platz 2 im Ranking der zehn größten Stahlmärkte. Nur für Vietnam wird mit 12,0% ein höherer Wert genannt. Für die Jahre 2026 (+5,1%) und 2027 (+6,0%) prognostiziert die Organisation für Deutschland weitere starke Zuwächse. Damit wäre Deutschland auch im Zeitraum 2025 bis 2027 mit einem kumulierten Wachstum von fast 23% Vize-Weltmeister hinter dem dynamisch wachsenden Indien mit knapp 27%. Der deutsche Stahlverbrauch würde nach dieser Prognose fast dreimal so stark zulegen wie der EU-Verbrauch.

Wie sind diese Zahlen einzuordnen? Der verwendete Indikator des „sichtbaren Stahlverbrauchs“, auch als Marktversorgung bezeichnet, ist die anerkannte Größe zur Beschreibung der Stahlnachfrage. Er beschreibt die Lieferungen in den betrachteten Markt, die sich aus den inländischen Herstellern und Importen speisen. Da die Lieferungen der einzelnen Hersteller nicht alle öffentlich beziffert werden, wird oft hilfsweise die Produktion um die Exporte reduziert und dann die Importe addiert. Der sichtbare Stahlverbrauch kann stark von Bestandseffekten beeinflusst werden, da die Lieferungen auch in Bestände wandern können. Der reale Stahlverbrauch, der von der Produktion der Stahlverbraucher und den Materialeinsatzquoten abhängt, ist schwerer zu ermitteln und kann oft nur geschätzt werden.

„Worldsteel“ ist eine renommierte Institution, in der zahlreiche Stahlhersteller und ihre Verbände aus der ganzen Welt, auch aus Deutschland, vertreten sind. Der „short range outlook“ wird zweimal jährlich veröffentlicht und ist eine viel beachtete Quelle zur Einschätzung des globalen Stahlmarktes.   

Es passt nicht zusammen
Den worldsteel-Zahlen kommt auch deshalb besondere Bedeutung zu, weil weitere Zahlen zum deutschen Stahlverbrauch kaum noch öffentlich verfügbar sind. Der deutsche Stahlverband, die Wirtschaftsvereinigung Stahl, beziffert in einem Konjunkturbericht vom April 2026 das Wachstum der Marktversorgung im Jahr 2025 auf vergleichbar starke 8,0%, nennt aber kein konkretes Marktvolumen. Der Zuwachs wird als Stabilisierung bezeichnet, die ausschließlich auf einen Lageraufbau zurückgehe und nicht auf eine reale Nachfragesteigerung. In einer Mitteilung vom Januar hatte die Vereinigung die Marktversorgung des Jahres 2025 auf rund 30 Mio. Tonnen geschätzt, aber keine Wachstumsrate genannt. Für das Jahr 2026 wurde im April erneut eine Marktversorgung von 30 Mio. Tonnen hochgerechnet, was etwas unter dem beim von worldsteel prognostizierten Wert von 30,7 Mio. Tonnen liegt.

Ganz anders sehen die von der Wirtschaftsvereinigung veröffentlichten Produktionszahlen für das Jahr 2025 aus. Danach ist die Rohstahlerzeugung im EU-Vergleich weit überdurchschnittlich um 8,6% und die für die Marktversorgung wichtigere Produktion von warmgewalzten Stahlerzeugnissen um 5,5% oder 1,8 Mio. Tonnen gefallen. Durch Außenhandelseinflüsse (niedrigere Exporte und höhere Importe) sind im Jahr 2025 nach der amtlichen Statistik ca. 1,6 Mio. Tonnen mehr Stahl nach Deutschland geflossen, so dass die Marktversorgung rechnerisch leicht gefallen sein müsste. Nach StahlmarktConsult-Berechnungen hat sich die nach diesem Muster berechnete Marktversorgung in Deutschland seit 2023 nur wenig geändert.

Der europäische Stahlverband Eurofer nennt für die EU im Jahr 2025 ein Wachstum der sichtbaren Stahlnachfrage um 2,4%, während der reale Stahlverbrauch um 0,2% gefallen sei. Auch nach dieser Quelle haben also Bestandseffekte die Marktversorgung positiv beeinflusst, allerdings in einem weit geringeren Maße als in Deutschland. Da auf Deutschland mindestens 20% der EU-Marktversorgung entfallen, ist der große Unterschied zumindest auf den ersten Blick schwer erklärbar.

Auch der Blick auf Unternehmenszahlen bringt keine Klarheit: Beim größten deutschen Stahlhersteller ThyssenKrupp Steel sind die Auslieferungen im Kalenderjahr um gut 5% gefallen, beim größten EU-Hersteller ArcelorMittal um knapp 1%.   

Erklärungsansätze, aber kein schlüssiges Gesamtbild
Das Puzzle der unterschiedlichen Daten kann teilweise geordnet werden. So haben Bestandseffekte am EU-Stahlmarkt in den vergangenen Jahren eine große Rolle gespielt. Im Zuge der Versorgungskrise der Jahre 2021/2022 wurden große Bestände am Markt aufgebaut, die dann bis 2024 zu einem überdurchschnittlich starken Bestandsabbau führten. Die dann sehr niedrigen Bestände wurden 2025 wieder erhöht, was im Vergleich zum realen Bedarf zu einem überdurchschnittlichen Anstieg der Marktversorgung führte. Der Trend wird sich in diesem Jahr angesichts wieder gestiegener Versorgungsrisiken wahrscheinlich fortsetzen. Es bleibt aber die Frage, warum der Effekt in Deutschland so viel stärker als im EU-Mittel ausgefallen sein sollte.

Die starke Diskrepanz zwischen den Zahlen für Deutschland und die EU geht bei der Erzeugung auf Sondereffekte zurück. So wurden in Deutschland 2025 unüblich viele Hochöfen temporär außer Betrieb gesetzt, was zu einem weit überdurchschnittlichen Rückgang der Erzeugung führte. Offenbar wurde ein Teil des Ausfalls durch schon im Jahr 2024 vorproduzierte Mengen ausgeglichen, die dann erst 2025 ausgeliefert wurden. Wie stark dieser Effekt die Angaben zur Marktversorgung in den Jahren 2024 und 2025 beeinflusst hat, ist wegen fehlender Daten nicht nachvollziehbar. Auch der erheblich gestiegene Import von Halbzeugen wie Brammen dürfte dazu beigetragen haben, dass die Diskrepanz zwischen Rohstahlerzeugung und Auslieferungen gestiegen ist. Auf Ebene der Unternehmen können die Auslieferungen auch in einem wachsenden Markt fallen, wenn Marktanteile an Wettbewerber auch aus dem Ausland verloren gehen.

Auffällig ist, dass nach den vorliegenden Zahlen der sichtbare Stahlverbrauch zwischen 2018 und 2024 in Deutschland mehr als doppelt so stark wie auf EU-Ebene gefallen sein soll. Ein solcher Trend ist durch den hohen Industrieanteil bei gleichzeitigem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland und die starke Betroffenheit vom Krieg in der Ukraine im Grunde nachvollziehbar. Die Stärke des Effekts bleibt trotzdem schwer nachvollziehbar. Als Konsequenz erreichte die Marktversorgung in Deutschland im Jahr 2024 relativ zum EU-Mittel ein sehr niedriges Niveau, was als statistischer Basiseffekt die viel höhere Zuwachsrate im Jahr 2025 ermöglichte. Wie belastbar die Werte zu den Vorjahren wirklich sind, ist für Außenstehende kaum überprüfbar.

Fragen bleiben, Skepsis ist angebracht
Damit bleiben auch nach näherer Analyse noch Fragen offen, die ein gesundes Maß an Skepsis gegenüber den Verlautbarungen der Branche rechtfertigen. Die Stahlnachfrage in Deutschland scheint den tiefsten Punkt hinter sich gelassen zu haben. Treiber dafür waren Bestandseffekte, bei denen das Pendel der Vorjahre nun zurückschwingt. Eine Wachstumsrate von 8 bis 10% im Jahr 2025 ist aber auf Basis der vorliegenden Informationen nicht nachvollziehbar. Entweder müssten die Bestandseffekte viel stärker als im Rest der EU ausgefallen sein oder die Ausgangsbasis des Jahres 2024 war zu niedrig angesetzt, was zum Beispiel an fehlenden oder fehlerhaften Meldungen der Unternehmen zu ihren Auslieferungen liegen könnte.

Ein Grund für die inkonsistent erscheinenden Informationen zur Marktentwicklung in den vergangenen Jahren könnte aber auch in der Kommunikation einer Branche liegen, die inzwischen sehr stark von politischen Entscheidungen abhängt und für die wegweisende Weichenstellungen vor allem im Bereich des Importschutzes zur Entscheidung standen. Wer selbst ermittelte Wachstumsraten im knapp zweistelligen Bereich als Stabilisierung bezeichnet und das höchste Marktvolumen in drei Jahren mit „unter dem schon niedrigen Durchschnitt der vergangenen vier Jahre“ umschreibt, hat erkennbar kein Interesse daran, die Lage schönzureden.

Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass die Nachfrage am deutschen Markt schwerer einzuschätzen ist, als man es angesichts der großen Bedeutung der Branche erwarten würde. Jedenfalls ist der Blick alleine auf die monatlichen Produktionszahlen wenig aussagefähig.      

© StahlmarktConsult Andreas Schneider. Verwendung nur mit Quellenangabe erlaubt.