By Andreas Schneider on Freitag, 10. April 2026
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Stahlimport: Handeln unter ständiger Unsicherheit als neue Normalität

Die Kombination aus CBAM, neuen EU-Schutzmaßnahmen und Nahost-Krise stellt für EU-Importeure ein toxisches Gemisch dar. Die EU scheint das Handeln unter ständiger regulatorischer Unsicherheit zum neuen Standard zu machen. Einbrechende Importbuchungen führen zu weniger Wettbewerb und steigenden Preisen am Stahlmarkt der EU. Die Auswirkungen der versiegenden Importe werden mehr und mehr sichtbar werden.        

CBAM: Vom Klimaschutz zum Importschutz  
Die von der EU-Kommission im Dezember veröffentlichten Vorgaben zur CBAM-Implementierung haben die befürchteten Folgen. Schnell hat sich am Markt die Erkenntnis durchgesetzt, dass die CBAM-Kosten für 2026 in vielen Fällen höher ausfallen werden als zuvor erwartet und dass weiterhin zahlreiche Unsicherheiten bei den individuell anfallenden Kosten bestehen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Hersteller in Drittländern den EU-Importeuren rechtzeitig zur CBAM-Erklärung für 2026, die spätestens bis zum 30.09.2027 abgegeben werden muss, verifizierte Emissionsdaten vorlegen können. Erst ab Sommer 2026 soll die Liste der zugelassenen Zertifizierer veröffentlicht werden. Die Erst-Verifizierung kann erst nach Vorliegen aller Anlagendaten für das Kalenderjahr 2026 erfolgen und soll als Regelfall einen Vor-Ort-Besuch beinhalten. Da mehrere tausend Drittlandanlagen betroffen sind und es immer noch ungeklärte Fragen zur Erhebungsmethodik gibt, ist es in jedem Einzelfall fraglich, ob die Verifizierung rechtzeitig erfolgen kann.   

Wenn dies nicht gelingt, müssen die von der EU festgelegten Länder-Standardwerte („default values)“ verwendet werden, die in mehreren Fällen auf den letzten Drücker und ohne weitere Erklärung massiv erhöht worden sind. StahlmarktConsult-Berechnungen zeigen, dass die CBAM-Kosten bei Verwendung der default values bei Ländern wie Süd-Korea oder Türkei mindestens um den Faktor 2 und im Falle Chinas sogar um den Faktor 3 höher ausfallen als bei Nutzung der tatsächlichen Emissionswerte.

Daraus resultieren für Importeure über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr unkalkulierbare Risiken bezüglich der Höhe der tatsächlichen CBAM-Kosten. Die Bestellungen bei Ländern mit hohen erwarteten CBAM-Kosten wie Indien oder Indonesien scheinen weitgehend zum Erliegen gekommen sein. Bei Material aus anderen Ländern bieten insbesondere große Trader im Vertrauen auf Angaben der Drittlandhersteller Material auf ddp-Basis an, wo die CBAM-Kosten ganz oder teilweise inkludiert sind. Diese liegen aber oft so hoch, dass bisherige Preisvorteile aufgezehrt werden. In der Summe hat dies dazu geführt, dass die Aktivitäten am EU-Importmarkt klar zurückgegangen sind.

Die viel zu späte Bereitstellung der nötigen Informationen durch die EU und die Detailvorgaben vor allem zur Verifizierung bedeuten, dass CBAM nicht zu den proklamierten gleichen Wettbewerbsbedingungen, sondern zu einer klaren Diskriminierung von Importen führt. Aus einem Klimaschutzinstrument ist ein weiteres Instrument zur Schutz des EU-Marktes vor Importen geworden.

Schutzmaßnahmen: Good governance geht anders
Auch bei der von der EU geplanten Verschärfung der „Schutzmaßnahmen“ gegen Stahlimporte kann von einer guten Regierungsführung nicht die Rede sein. Denn wie man inhaltlich zu den Überlegungen auch stehen mag: Unternehmen sollten rechtzeitig den Rechtsrahmen kennen, unter dem sie Entscheidungen zu treffen haben. Die Umsetzung der Vorschläge zur Verschärfung der Schutzmaßnahmen würde eine Zeitenwende für den Importmarkt bedeuten. Eine Halbierung der zollfreien Importkontingente bei gleichzeitiger Verdopplung des Zollsatzes auf 50% oberhalb der Kontingente würde die Importmöglichkeiten massiv beschneiden.

Sechs Monate nach Vorlage des Vorschlages ist nichts klar: Kommen die Maßnahmen, wann kommen sie, wie werden die Zollfreikontingente bei den 26 betroffenen Erzeugnissen auf die einzelnen Herkunftsländer verteilt?  Mit einem Wort: was wird mich ein Import, den ich jetzt tätige, beim Grenzübergang in drei Monaten kosten? Keiner weiß die Antwort und je näher der kolportierte Starttermin der neuen Maßnahmen am 01. Juli rückt, desto riskanter wird jeder Import und desto mehr werden die Neubestellungen einbrechen.

Wie schon bei früheren Änderungen der jetzigen Schutzmaßnahmen und bei CBAM etabliert die EU den Leitsatz: Handeln unter regulatorischer Unsicherheit ist die neue Normalität. Unternehmen, deren Import vielleicht doppelt so teuer wird wie bei der Bestellung gedacht, werden sich darüber genauso freuen wie diejenigen, die sich unter hohem Aufwand für eine rechtzeitige CBAM-Verifizierung einsetzen, um dann festzustellen, dass es für den Lieferanten unter den Schutzmaßnahmen kein Zollfrei-Kontingent geben wird.

Nahost-Krise als I-Tüpfelchen
Als wäre das nicht genug, ist mit dem Iran-Krieg und der folgenden Nahost-Krise ein weiterer Unsicherheitsfaktor dazu gekommen. Seit März machen stark erhöhte Frachtraten und die Unsicherheiten im maritimen Seeverkehr Importe noch unattraktiver. Verzögerungen bei Lieferungen aus Asien stellen zudem avisierte Liefertermine noch im 2. Quartal in Frage, was das Zollrisiko aus den dann wahrscheinlich geltenden neuen Schutzmaßnahmen massiv erhöht.

Selbst wenn es bei den internationalen Seefrachtrouten zu einer baldigen Entspannung kommen würde, bleibt im zweiten Quartal mit hoher Wahrscheinlichkeit die Importseite der Stahlmarkt-Faktor mit der stärksten Wirkkraft. Bei den in vielen Fällen prohibitiv hohen CBAM-Länderwerten sind schnelle Korrekturen nicht zu erwarten, die Unsicherheiten bei der Verifizierung bleiben ebenso. Es ist zu befürchten, dass die EU-Kommission erst kurz vor dem erwarteten Starttermin am 01. Juli die Aufteilung der erniedrigten Zollfrei-Kontingente auf die einzelnen Lieferländer bekanntgeben wird.

Die Auswirkungen der versiegenden Importe werden mehr und mehr sichtbar werden. Noch federn die aufgelaufenen Bestände an Importmaterial den bereits zu beobachtenden Rückgang bei den Neubuchungen ab. Aber dieser Puffer wird wohl in den nächsten Monaten schwinden. Dies bereitet tendenziell den Boden für einen weiteren Preisanstieg am Stahlmarkt. Allerdings müssen auch die ohnehin niedrigen Erwartungen an den realen Stahlbedarf nach unten korrigiert werden. Damit bleibt das Potenzial für einen weiteren Stahlpreisanstieg unklar

© StahlmarktConsult Andreas Schneider. Verwendung nur mit Quellenangabe erlaubt.

 

 

© StahlmarktConsult Andreas Schneider. Verwendung nur mit Quellenangabe erlaubt.

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