Stahlmarkt Consult Blog

In meinem Stahlmarkt-Blog befasse ich mich mit Neuigkeiten aus der Stahlmarkt-Welt und analysiere Trends und Marktentwicklungen.

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Stahlmarkt am Jahresende 2020: Wie Phoenix aus der Asche

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Das hat niemand kommen sehen: Am Ende eines Stahljahres, das lange unter dem Vorzeichen einer großen Krise stand, zeigen die Märkte eine fulminante Aufwärtsbewegung. Stahl- und Rohstoffpreise haben inzwischen nicht nur das Vor-Corona-Niveau übertroffen, sondern langjährige oder sogar historische Höchststände erreicht. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit. Stahl ist derzeit ein knappes Gut und die Preise steigern sich in einen regelrechten Rausch. Woran liegt das? Und: kann das gutgehen?

Stahlmarkt im Dezember 2020: Erinnerungen an 2008
Selbst „alte Hasen“ des Stahlmarktes haben eine solche Entwicklung nur ganz selten erlebt: seit der zweiten Novemberhälfte sind weltweit heftige Preissprünge zu verzeichnen. Spotmarktpreise steigen tagesweise, heute noch gültige Angebote können morgen schon ohne Wert sein. Nicht der Preis ist in vielen Fällen das Thema, sondern die Versorgung. Während zunächst vor allem Flachstahl betroffen war, sind aktuell auch bei vielen Langprodukten und Halbzeugen deftige Preissprünge zu beobachten.

Eine Auswahl von Meldungen zeigen die Dramatik: In der EU sind die Spotmarktpreise für das Referenzprodukt Warmbreitband seit Juni um ca. 200,- €/t oder 50% gestiegen. In den USA äußern Marktteilnehmer ernsthaft die Sorge, dass ein Mangel an Stahl demnächst zu Produktionsstillständen bei Verarbeitern führen könnten. Die Preise für feuerverzinkte Bleche sind dort seit August um fast 500,- $/t gestiegen.  Indien meldet bei den Warmbandpreisen das höchste jemals erreichte Niveau, in China ist der höchste Stand seit neun Jahren erreicht. Die Preise für Eisenerz liegen bei ca. 160,- $/t auf einem historischen Höchststand. Am türkischen Importmarkt haben die Schrottpreise bei über 400,- $/t den höchsten Stand seit acht Jahren erreicht. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Marktkenner kommen zu dem Schluss: so etwas hat man eigentlich nur im Stahlboom 2007/2008 erlebt.

Der Treiber: Übertroffene Erwartungen
Es ist ziemlich eindeutig, dass nicht die Rohstoffpreise die Stahlpreise treiben. Umgekehrt ziehen hohe Stahlpreise die Rohstoffe nach oben, tatkräftig unterstützt durch eine von den Zentralbanken ausgeschüttete Liquiditätsflut und spekulative Investoren.

Kern der Entwicklung ist, dass die im Sommer vorherrschende Erwartung einer nur zögerlichen Erholung der Industrie und des Welthandels von der tatsächlichen Entwicklung überholt worden ist. Dies zeigt sich vor allem in der Automobilindustrie, die mehr als andere Industriezweige von der schnellen Erholung in China profitiert. Nach rasanten Wachstumsraten in den vergangenen Monaten wird der dortige Markt wahrscheinlich auf Jahressicht nur minimal schrumpfen.

Hierzulande hat nach den Daten des statistischen Bundesamtes die Produktion von Teilen und Zubehör im Oktober 2020 das hohe Niveau von Anfang 2019 übertroffen. Die große Lücke zur Inlandsproduktion von Kraftwagen (siehe Grafik) spricht dafür, dass ein erheblicher Teil dieses Anstieges auf Zulieferungen für ausländische Standorte entfällt. Die Ausfuhr von Kraftwagen und Zulieferteilen hat im Oktober den höchsten Wert des Jahres erreicht und das Niveau vom Oktober 2019 nur knapp verfehlt.

Die unerwartet schnelle Erholung hat mit Blick auf die Stahlnachfrage zwei Effekte: Es wird in kurzer Zeit wieder viel mehr Material benötigt. Und bessere Produktionserwartungen lassen den Wunsch nach wieder höheren Lagerbeständen aufkommen, nachdem diese noch zur Jahresmitte weitgehend geräumt worden waren. Der Trend zu Bestandsaufstockungen wird durch schnell steigende Preise und Versorgungsprobleme noch verstärkt. Im Ergebnis haben die Auftragseingänge der deutschen Stahlhersteller zuletzt das starke Niveau vom Jahresanfang 2018 erreicht.

Klar ist aber auch: In nicht allen Stahlabnehmerbereichen ist der Aufschwung so stark. Die Stahlrohrproduktion lag im Oktober noch um 18% unter dem Vorjahresmonat, im Maschinenbau betrug das Minus 10%. Und alle großen Abnehmerbereiche mit Ausnahme der Bauwirtschaft werden im Gesamtjahr ein kräftiges Produktionsminus zwischen 10 und 25% einfahren. Es kommt nicht so schlimm wie ursprünglich erwartet, aber die Produktion der Stahlverarbeiter ist – mit der Ausnahme China - insgesamt weit von einem Boom entfernt, der die aktuellen Preissprünge rechtfertigen würde. Die aktuelle Enge des Marktes ist durch die so nicht erwartete Dynamik der Nachfrage in Verbindung mit einer im Vergleich nur träge anziehenden Stahlerzeugung entstanden.  

Aus vielfältigen Gründen steigt vor allem die hochofenbasierte Erzeugung nur in Trippelschritten. Viele zuvor stillgelegte Hochöfen gehen nur zögerlich wieder in Betrieb. Nur in China wurde die kleine Corona-Delle vom Jahresanfang schnell wieder ausgebügelt. Schon seit Mai liegt dort die Erzeugung auf konstant hohem Niveau. In Deutschland wie auch im Rest der Welt hat sich die Produktionskurve erst im Oktober wieder dem Vor-Corona-Niveau genähert (siehe Grafik). Daraus ist die Knappheit entstanden, die jetzt die Preise treibt.