Stahlmarkt Consult Blog

In meinem Stahlmarkt-Blog befasse ich mich mit Neuigkeiten aus der Stahlmarkt-Welt und analysiere Trends und Marktentwicklungen.

Am EU-Stahlmarkt beginnt eine neue Ära – was sind die Folgen?

Spätestens mit den im Juli in Kraft getretenen neuen Importbeschränkungen hat am EU-Stahlmarkt eine neue Ära begonnen. Diese ist kennzeichnet von massiven staatlichen Interventionen, einer zunehmenden Entkopplung vom Rest der Welt und dem Versuch, die Stahlerzeugung in ihrer bisherigen Größe zu erhalten. Die Zäsur ist massiv. Welche Folgen sind für Stahlhersteller und ihre Kunden zu erwarten?    

Bei Stahl beträgt der Markteinfluss höchstens noch 50%  
Mit dem im Jahr 2019 vorgestellten „Green Deal“ wurde der Startschuss für eine Kaskade von staatlichen Interventionen am Stahlmarkt gegeben. Insbesondere der Umbau der CO2-intensiven Hochofenerzeugung gestaltet sich schwerer als seinerzeit proklamiert. Auf der anderen Seite gibt es einen starken politischen Willen, alle traditionellen Standorte zu erhalten. Die Folge ist branchenweit ein kaum durchschaubares Dickicht an Vergünstigungen und Subventionen: Strompreiskompensation, kostenfreie Zuteilung am Emissionszertifikaten, regionale, nationale und EU-Beihilfen. Der im Juli 2026 bei British Steel vollzogene Schritt der offiziellen Verstaatlichung scheint auch an anderen Standorten nicht mehr weit, die defacto nur noch mit staatlichem Geld am Leben gehalten werden. Prominentestes Beispiel ist das frühere Ilva-Werk in Italien. Die früher hochgelobte Beihilfedisziplin ist EU-Weit mit wenigen Ausnahmen längt einem Kampf um die höchsten Zuschüsse gewichen.

Mit der Einführung von CBAM und „New Steel Measures“ (NSM) in diesem Jahr werden Stahlimporte aus allen Drittländern zum bürokratischen Alptraum mit kaum kalkulierbaren Kosten und massiven Mengenbeschränkungen. Die neu erfundene Dauermaßnahme der NSM schreibt die zulässigen zollfreien Mengen auf dem Niveau des Jahres 2013 fest und gibt äußerst kleinteilig vor, welche Menge für welches Erzeugnis aus welchem Land noch zollfrei importiert werden kann. Zudem geht von ständigen Regeländerungen, die vielfach mit äußerst kurzer Vorlaufzeit angekündigt werden, eine stark importdämpfende Unsicherheit aus.

Schließlich wird auch auf der Nachfrageseite eifrig an neuen Vorgaben geschraubt. „Local content“-Vorgaben und Quoten für „Grünen Stahl“ stehen mindestens für den Bereich der öffentlichen Beschaffung vor der Tür und sind auch für den privaten Sektor nicht auszuschließen.

Kurzum: Der Stahlpreis wird höchstens noch zur Hälfte von Angebot, Nachfrage und Rohstoffkosten in einem halbwegs offenen Markt getrieben, wie es in den vergangenen Jahrzehnten der Fall war.    

EU-Hersteller: Kurzfristig im Vorteil, aber Probleme längst nicht gelöst
Für die Stahlhersteller bieten die neuen Gegebenheiten zunächst einen Anlass zum Frohlocken: die Importe aus Drittländern werden deutlich fallen, die Importpreise werden steigen, die Marktmacht der EU-Anbieter wird zunehmen. Stahlpreise und Börsenkurse legen entsprechend zu, Geschäftsausblicke werden reihenweise angehoben. Das in Europa erwirtschaftete EBITDA des Marktführers ArcelorMittal lag im 2. Quartal 2026 bereits auf dem höchsten Wert seit drei Jahren und um 14% über dem Vorjahresquartal. Und dies wohlgemerkt, schon bevor die NSM überhaupt in Kraft getreten sind und bei einem anhaltend schwachen Stahlbedarf.

Mit der massiven staatlichen Unterstützung haben sich die kurzfristigen Geschäftsaussichten der Hersteller also zweifellos gebessert. Mittel- und langfristig sind dennoch bei weitem nicht alle Probleme gelöst. Das liegt an drei Gründen: Erstens gibt es nach wie vor keine Lösung für die Frage, wie die durch die isolierte CO2-Bepreisung der EU entstehenden Mehrkosten beim Stahlexport in Drittstaaten aufgefangen werden sollen. Knapp 17 Mio. Tonen oder ca. 14% der EU-Walzstahlerzeugung werden in Drittländer exportiert. Die schon jetzt schwache internationale Wettbewerbsfähigkeit der Branche wird weiter abnehmen. Dazu kommen Importbeschränkungen von Handelspartnern, allen voran die USA. Damit wird ein Teil des in der EU generierten Mehrabsatzes durch fallende Exporte kompensiert.

Mindestens genauso schwer wiegt, dass steigende Stahlpreise in der EU und der stark eingeschränkte Zugriff auf Importe die Wettbewerbsfähigkeit der stahlverarbeitenden Industrie auf dem Weltmarkt zusätzlich belasten. Nach Zahlen des Weltstahlverbandes worldsteel ist Deutschland mit 35,8 Mio. Tonnen nach China der weltweit zweitgrößte Exporteur stahlhaltiger Güter. Unter den TOP 10 finden sich aus der EU noch Italien, Polen und Frankreich. Auch wenn hier die EU-internen Ausfuhren mitgerechnet sind, zeigt dies, wie wichtig die Exportmengen der Stahlverarbeiter für die hiesigen Hersteller sind. Die Behauptung, Stahl mache bei vielen Gütern nur einen kleinen Teil des Endpreises aus, weshalb höhere Stahlpreise kein großes Problem seien, führt in die Irre. Die Kosten werden in den meisten Fällen nicht direkt dem Endkunden in Rechnung gestellt, sondern auf den vielen vorherigen Stufen der Wertschöpfungskette verhandelt. Und hier hat niemand etwas zu verschenken.

Die negativen Auswirkungen auf den direkten und indirekten Stahlexport werden die Stahlnachfrage in der EU auf lange Sicht strukturell dämpfen. Eine Rückkehr zu früheren Nachfrageniveaus ist äußerst unwahrscheinlich.    

Drittens wird immer klarer, dass an den meisten der bisherigen Standorte der Umbau der hochofenbasierten Erzeugung auf (wasserstoffbasierte) Direktreduktionsanlagen auf lange Zeit aus eigener Kraft nicht tragfähig ist. Dreh- und Angelpunkt sind die Energiekosten. Diese geben nur an wenigen Standorten in Nord- und Südeuropa Anlass, an ein wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell zu glauben. Aus heutiger Sicht wären in Mitteleuropa gigantische Subventionen nötig, um die Energiekosten auf ein vertretbares Niveau zu bringen. Ob dafür eine dauernde politische Bereitschaft vorhanden ist, steht in den Sternen. Damit sind aber auch langfristige Investitionsentscheidungen mit hohem Risiko behaftet. Stellt man Vergleiche nicht nur EU-intern, sondern weltweit an, sieht es noch düsterer aus. Damit ist es nicht unwahrscheinlich, dass trotz aller Bemühungen ein Teil der Primärstahlerzeugung nicht in der EU gehalten werden kann.   

EU-Stahlverarbeiter: Schleichende Erosion nicht aufzuhalten
Vielen stahlverarbeitenden Unternehmen dämmert erst jetzt, was auf sie zukommt. Die CO2-Bepreisung von Stahl am EU-Markt unabhängig von seiner Herkunft fängt gerade erst an. Auch kleinere Korrekturen am Europäischen Emissionshandel oder CBAM werden nicht verhindern, dass in den kommenden Jahren eine riesige Kostenlawine auf Stahlverarbeiter zurollt. Ihr zu entkommen ist kaum möglich. Denn der Zugriff auf CO2-reduzierte Vorprodukte aus kostengünstigeren Drittländern ist durch niedrige Zollfrei-Kontingente, den hohen Bürokratieaufwand und wiederkehrende Nadelstiche der EU extrem eingeengt. Dass die EU unter dem Stichwort „Resource Shuffling“ nun besonders gegen Länder vorgehen will, die ihre emissionsärmsten Güter gezielt in die EU liefern, ist nur ein Beispiel unter vielen.

Schlechte Standortbedingungen und klimapolitische Vorgaben haben das Modell, Drittlandmärkte mit Produkten „Made in EU“ zu bedienen, bereits unter Druck gesetzt, der sich nun noch einmal verstärken wird. Die Kostennachteile gegenüber Konkurrenten aus Asien nehmen zu. Der Trend zu Standortverlagerungen ist längst nicht mehr nur bei großen Unternehmen zu beobachten und wird an Stärke gewinnen.

Dazu kommt eine zweite Entwicklung. Denn der Import von stahlhaltigen Gütern in den weitgehend ungeschützten Markt der EU nimmt zu. Beim Import stahlhaltiger Güter steht Deutschland schon jetzt auf Platz 2 der Welt, hinter den USA. Hohe EU-Barrieren für die Stahleinfuhr führen dazu, dass Drittlandhersteller verstärkt auf verarbeitete Produkte ausweichen, die wegen günstiger Preise und verringerter Qualitätsunterschiede wachsendes Interesse finden. Schon kleine Verarbeiter berichten vielfach, dass sie standardmäßig im Wettbewerb mit Anbietern aus China, Indien oder der Türkei stehen und dort kaum noch mithalten können. Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass immer mehr Stahlverarbeiter und ihre Verbände fordern, ihre eigenen Produkte ebenfalls zu schützen und in CBAM und NSM aufzunehmen.

Viel zu spät haben Stahlhersteller und die EU-Kommission erkannt, dass ein isolierter Schutz der Vorprodukte zu Lasten der Kunden geht und damit den Nachfrageast absägt, auf dem die Erzeugung sitzt. Zwar kommen Bemühungen für eine Ausweitung auf nachfolgende Wertschöpfungsstufen jetzt in Gang. Sowohl technisch als auch politisch ist das Unterfangen aber wesentlich komplexer als bei der Stahlerzeugung mit ihrer historisch bedingten Sonderstellung. Die Stahlverarbeitung umfasst weit mehr Erzeugnisse und Unternehmen. Zudem sind die Interessen weniger homogen. Selbst wenn es zu einer begrenzten Erweiterung des Schutzinstrumentariums auf nachgelagerte Produkte kommen sollte, ist es wenig unwahrscheinlich, dass der schon vor Jahren begonnene Trend einer schrumpfenden Stahlverarbeitung noch gestoppt werden kann.

Mit der Stahlerzeugung, die wenigstens noch kurzfristig von den getroffenen Entscheidungen profitieren wird, ist auch die Stahlverarbeitung in eine große Abhängigkeit von politischen Maßnahmen geraten. Der Trend zum Interventionismus ist noch nicht zu Ende. Es scheint, als ob immer wieder die Nebenwirkungen einer selbst gewählten Therapie bekämpft werden anstatt den Therapieweg an sich zu hinterfragen. Eine Besserung der allgemeinen Standortbedingungen, von der am meisten der industrielle Mittelstand profitieren würde, gerät immer mehr ins Hintertreffen.   

© StahlmarktConsult Andreas Schneider. Verwendung nur mit Quellenangabe erlaubt.

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